Zwischen Faulenzen und Gestalten: Die Kunst der freien Zeit

Zwischen Faulenzen und Gestalten: Die Kunst der freien Zeit

Audio | 27.06.2026 | Dauer: 00:03:54 | SR kultur - (c) SR

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Heute Morgen ist es passiert. Oder besser gesagt: Es ist nichts passiert. Der Wecker hat nicht geklingelt. Seit gestern Mittag sind im Saarland Sommerferien. Und für mich hat das Schweigen der Uhr noch eine weiter Bedeutung. Denn dieser Wecker wird nie mehr klingeln, um mich zur Schule zu rufen. Gestern war mein allerletzter Arbeitstag als Schulpfarrer. Wenn ich mich heute im Bett umdrehe, blicke ich nicht in die sechs Wochen der Sommerferien, sondern in den Ruhestand. Vor mir liegt ein unbeschriebenes Blatt Papier. Ein unbegrenztes Paradies ohne Notengeben, ohne feste Termine und ohne das vertraute Korsett des Stundenplans. Eigentlich ein absoluter Traum. Und doch mischt sich in die Erleichterung eine leise, nachdenkliche Stille. Dieses Gefühl teilen in diesen Tagen vermutlich alle die, für die Ferien oder der Ruhestand beginnt: Plötzlich ist sie da, die große, weite, leere Zeit. Die Erwartungen an die kommenden Wochen sind groß: Wir wollen faulenzen, chillen, den Stress abschütteln und einfach in den Tag hineinleben. Glückwunsch an alle, die dieses anstrengende Schuljahr hinter sich gebracht haben und diesen Moment jetzt genießen können. Es ist eine wunderbare Freiheit! Doch dieses unbeschwerte Gefühl kann sich seltsam schnell verändern. Nach den ersten Tagen im Schlafanzug schleicht sie sich nämlich oft an – die große Ernüchterung. Wenn dieses Nichtstun plötzlich kippt und in eine zähe Trägheit umschlägt. Wenn mich die Leere anstarrt und ich merke: Geschenkte Zeit auszuhalten und ganz allein zu füllen, das kann ganz schön anstrengend sein. Plötzlich habe ich sehr viel Zeit – was fange ich nur damit an? Was für manche lächerlich klingen mag, wird für andere zu einem handfesten Problem. Eine Woche lang ist es herrlich, die Stunden einfach so dahinfließen zu lassen. Aber wenn die freie Zeit länger dauert, merke ich, wie viel Arbeit es eigentlich bedeutet, Tage und Wochen ganz ohne äußeres Geländer sinnvoll zu gestalten. In meinem bisherigen Berufsleben – ob in Kirchengemeinden, in der anspruchsvollen Polizeiseelsorge oder eben im Klassenzimmer – war der Terminkalender mein Halt. Nun muss ich die Balance neu lernen. Es ist wirklich eine Kunst, das eigene Leben zu gestalten, wenn kein Chef und kein Stundenplan mehr die Richtung vorgeben. Es braucht ein gesundes Maß an Selbstdisziplin, um die eigene Freiheit zu beschützen, ohne dabei die Spontaneität oder die Lust auf Neues abzuwürgen. Und genau hier liegt wohl der Mehrwert für alle, die an diesem ersten Ferienwochenende dasitzen: Die wahre Lebenskunst liegt in der Balance zwischen Faulenzen und Gestalten. Es braucht die Tage des reinen Nichtstuns, in denen die Seele einfach nur baumeln darf. Aber es braucht eben auch den Moment, in dem ich aufstehe und den Tag aktiv mit Sinn fülle: etwas Altes vertiefen, ein neues Hobby entdecken oder einfach abends zufrieden auf das schauen, was ich geschafft habe. Genau das wünsche ich mir und Ihnen für die kommenden Wochen: diese besondere Balance zu finden und zu halten. Ich wünsche Ihnen Tage zum tiefen, erholsamen Faulenzen. Und Tage voller Energie und Lust am aktiven Gestalten. Damit am Ende das Gefühl bleibt: Es war eine gute, eine erfüllte freie Zeit.

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